Am 1. Mai 1866 begann in Flensburg eine Ära, die die maritime Geschichte der Region für immer prägen sollte: die Fördeschifffahrt. Mit der Premiere des Dampfers „Seemöve“ erlebte die Stadt ihren ersten großen Aufbruch im Schiffsverkehr. Doch gleich zu Beginn gab es einen herben Rückschlag: Die Anlegebrücke in Egernsund brach während der feierlichen Premiere zusammen. Trotz dieses Missgeschicks wurde die „Vereinigte Flensburg-Ekensunder & Sonderburger Dampfschiff-Gesellschaft“ gegründet, die schon bald zu einem der größten Schiffsnahverkehre an der Ostsee avancierte.
Die Blütezeit der Fördeschifffahrt hielt bis zur Volksabstimmung 1920 an, die zur Rückgabe Nordschleswigs an Dänemark führte. Diese politische Wende stellte einen Wendepunkt dar und beendete die goldene Ära der Schifffahrt auf der Förde. Doch ab den 1950er-Jahren erlebte die Fördeschifffahrt durch die sogenannten „Butterfahrten“ einen bemerkenswerten Aufschwung. Diese Ausflugsfahrten, bei denen die Passagiere zollfreie Waren, insbesondere Butter, Tabak und Spirituosen, erwerben konnten, waren bei den Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt.
Die Ära der Butterfahrten
Die Butterfahrten, die von 1953 bis 1999 stattfanden, führten über die deutsche Zollgrenze hinaus und ermöglichten den Passagieren den Einkauf von Duty-free-Artikeln. Vor allem in Dänemark war Butter günstig zu bekommen, was diese Fahrten besonders attraktiv machte. Viele Menschen, darunter auch Rentner, nutzten sie als Tagesausflug, um ein wenig frische Luft zu schnappen und gleichzeitig von den günstigen Angeboten zu profitieren. Diese Fahrten wurden oft zu symbolischen Preisen angeboten, manchmal sogar kostenlos durch Werbekarten, wodurch sie regelrecht zum Erlebnis avancierten.
Doch die Beliebtheit der Butterfahrten blieb nicht ohne Widerstand. Die Konkurrenz an Land war alles andere als begeistert von den maritimen Einkaufsreisen. Der Europäische Gerichtshof erklärte am 7. Juli 1981 die Abgabenfreiheit auf Butterschiffen für unvereinbar mit dem EG-Recht. Fortan mussten die Schiffe im Ausland anlegen, um zollfreien Verkauf zu ermöglichen. Diese Regelung führte schließlich dazu, dass am 1. Juli 1999 die Butterfahrten in der EU offiziell verboten wurden, was zu massiven Arbeitsplatzverlusten und der Zerschlagung eines einst blühenden Wirtschaftszweigs führte.
Ein Rückblick auf maritime Traditionen
Kay von Eitzen, Amtskonsulent beim Sydslesvigsk Forening und Vorsitzender des Flensborg Yacht Club, bedauert die geringe Würdigung des 160-jährigen Jubiläums der Fördeschifffahrt. Friedrich Mommse Bruhn war einst der Initiator des fahrplanmäßigen Personenschiffsverkehrs auf der Flensburger Förde, und zu Spitzenzeiten waren bis zu 26 Dampfer gleichzeitig auf den Gewässern unterwegs. Die „Vereinigte“ wurde 1935 liquidiert, während Flensburger Kaufleute die Förde-Reederei gründeten und die Fördeschifffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufbauten.
Ein tragischer Vorfall in der Geschichte der Fördeschifffahrt war der Untergang der „Habicht“ im Jahr 1957, der die Schifffahrt in der Region stark beeinträchtigte. Dennoch gab es auch Hoffnungsschimmer: Neubauten wie die „Glücksburg“ sorgten für frischen Wind auf den Gewässern. Das 100-jährige Jubiläum wurde im Jahr 1966 mit einer Sonderfahrt gefeiert, doch heute sind nur noch wenige Fördeschiffe aktiv, darunter die „Alexandra“ und die „Feodora II“.
Die maritime Tradition der Fördeschifffahrt ist Teil des kulturellen Erbes der Region, und Kay von Eitzen fordert eine Rückbesinnung auf diese wertvolle Geschichte. Während die Erinnerungen an die Butterfahrten allmählich verblassen, bleibt die Sehnsucht nach den Zeiten, in denen das Meer und die Schiffe ein ganzes Volk verbunden haben, ungebrochen. Heute gibt es nur noch wenige Erinnerungen an diese Zeit, darunter das Butterschiff Jürgensby in Flensburg, das auf Abwrackung wartet, sowie der Bootssteg bei Neukirchen in Angeln, der als stiller Zeuge einer vergangenen Epoche dient.