In der Delmenhorster Stadtkirche wurde am Sonntag ein musikalisches Highlight gesetzt, das die Besucher tief berührte. Sechs von insgesamt 15 „Rosenkranz-Sonaten“ des Komponisten Heinrich Ignaz Franz von Biber wurden aufgeführt. Die Musiker, unter ihnen die talentierte Barockgeigerin Carla Linné, der vielseitige Johannes Löscher am Violoncello und der versierte Jörg Hitz an Cembalo und Orgel, brachten die beeindruckenden Klänge des Barock zu Gehör. Während der Darbietung las Oliver Hitz zwischen den Sonaten Evangeliumstexte und Zitate von Wilfred Owen, die sich mit den Themen Krieg und Frieden auseinandersetzten. Welche Kombination von Musik und Literatur, um die Lebensgeschichte Jesu Christi von der Geburt bis zur Himmelfahrt lebendig werden zu lassen!

Die „Rosenkranz-Sonaten“ sind nicht nur eine Ansammlung von Violinkompositionen, sondern auch ein tiefes spirituelles Werk. Biber hat jede der 15 Sonaten, einschließlich der berühmten Passacaglia, die auch als „Schutzengel-Sonate“ bekannt ist, mit einem Kupferstich illustriert. Diese Kupferstiche, die die Ereignisse von Weihnachten bis zur Himmelfahrt darstellen, stammen ursprünglich aus einem Flugblatt der Salzburger Rosenkranzbruderschaft von 1678. Interessanterweise sind die Sonaten in drei Gruppen eingeteilt: der freudenreiche, der schmerzensreiche und der glorreiche Rosenkranz. Und so schaffte es die Musik, die Zuhörer auf eine emotionale Reise mitzunehmen.

Ein Meisterwerk des Barock

Die ausgewählten Sonaten erforderten von den Musikern hohe technische Fähigkeiten, wobei die Verwendung von Skordatur – einer abweichenden Stimmung der Geigen – besonders hervorzuheben ist. Carla Linné nutzte während der Aufführung gleich fünf verschiedene Geigen, was die Vielfalt und die Herausforderung der Stücke unterstrich. Die Klänge, die durch die Kirche hallten, waren geprägt von dissonanten Harmonien und einer rhythmischen Freiheit, die den Zuhörern eine fast magische Erfahrung bot. Johannes Löscher und Jörg Hitz bildeten ein lebendiges Continuo-Fundament, das die gesamte Darbietung eindrucksvoll unterstützte.

Jörg Hitz eröffnete den Abend mit einer Toccata von Girolamo Frescobaldi, die sofort das Publikum in ihren Bann zog. Es war ein gelungener Einstieg, der die hohe Kunst des Barock gleich zu Beginn präsentierte. Die Musik selbst, so sagen viele, hat einen sakralen Charakter, der nicht immer sofort erkennbar ist. Es gibt Tanzsätze und Variationssätze, die den Zuhörer verwirren und gleichzeitig fesseln. Der programmatische Charakter der Stücke ist umstritten – dennoch bleibt die Wirkung der Musik unbestreitbar.

Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks

Die „Rosenkranz-Sonaten“ waren über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. Doch heute zählen sie zu Bibers bekanntesten und bedeutendsten Arbeiten. Der Ursprung des Manuskripts, das an Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg gewidmet ist, bleibt bis heute ein wenig mysteriös. Es gibt kein Titelblatt, und die Mehrheit der Forschung lehnt die Annahme ab, dass es sich um ein Autograph handelt. Die Entstehung wird um 1678 vermutet, und das Manuskript fand seinen Weg in die Münchner Hofbibliothek im 19. Jahrhundert. Über die Jahre gab es zahlreiche Neuausgaben und Faksimiles, die das Interesse an diesen beeindruckenden Sonaten wiederbelebten.

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Ein besonderes Merkmal der Musik von Biber ist die intensive Nutzung der Skordatur. Alle Sonaten, abgesehen von der ersten und letzten, sind auf skordierter Violine spielbar, was die Darbietung besonders herausfordernd, aber auch reizvoll macht. Die Passacaglia, die in Delmenhorst besonders schön zur Geltung kam, vermittelte ein Gefühl von Ruhe und Schutz, das die Zuschauer sichtlich bewegte.

Die Darbietung in der Stadtkirche war ein Fest für die Sinne und eine wunderbare Gelegenheit, in die tiefen Klänge des Barock einzutauchen. Es bleibt zu hoffen, dass solche musikalischen Ereignisse weiterhin in Delmenhorst stattfinden und die Begeisterung für diese zeitlosen Kompositionen weitergetragen wird. Wer weiß, vielleicht wird das nächste Konzert ebenso unvergesslich, und die „Rosenkranz-Sonaten“ finden noch mehr Liebhaber unter den Norddeutschen.