Es ist ein trauriger Anblick, der sich in der Kirchsee vor der Insel Poel bietet. Der Buckelwal, der von vielen liebevoll „Timmy“ genannt wird, liegt regungslos im Wasser. In den letzten 24 Stunden hat sich seine Atemfrequenz von vier auf fünf Minuten erhöht, ein besorgniserregendes Zeichen. Rettungsaktionen wurden bereits eingestellt, und sein Zustand wird als „Worst-Case-Szenario“ bezeichnet. Der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann hat sich in einer Instagram-Story zur kritischen Lage des Wals geäußert. Am 11. März wurde Timmy mit einem über 50 Meter langen Netz im Hafen von Wismar gesichtet, und seitdem hat sich sein Schicksal dramatisch entwickelt.

Am 23. März strandete der Wal in Niedendorf am Timmendorfer Strand, und das Netz blieb im Maul stecken. Nun ist er zum dritten Mal an der Insel Poel gestrandet, und sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Die Chancen auf Überleben werden auf erschreckende 0,01 Prozent geschätzt. Eine Untersuchung im Deutschen Meeresmuseum in Stralsund soll nach seinem Tod stattfinden, und Lehmann hat bereits gefordert, bei der Nekropsie anwesend zu sein. Die Situation wirft auch die Frage nach der Verantwortung der Menschen auf, denn Geisternetze stellen ein ernsthaftes Problem für die Meeresbewohner dar.

Die Gefahren der Geisternetze

Geisternetze sind herrenlose Fischernetze, die im Meer treiben und unzählige Tiere in ihren tödlichen Fangarmen gefangen halten. Weltweit sind täglich Hunderte Wale und Delfine betroffen. Bianca König von der Whale & Dolphin Conservation hat betont, dass dies ein alarmierendes Problem ist, das nicht ignoriert werden kann. Aber wie entstehen diese Geisternetze eigentlich? Die WWF-Forschungstaucherin Gabriele Dederer erklärt, dass die Fischerei kein Interesse daran hat, Netze zu verlieren – schließlich sind sie teuer. Schätzungen zufolge machen verlorene Netze etwa 2% der gesamten Fischereiausrüstung aus. Jährlich verschwinden rund 75.000 Quadratkilometer Netze und 740.000 Kilometer Langleinen in den Weltmeeren. Unglaubliche Zahlen, oder?

Die Bergung von Geisternetzen erfolgt meist mithilfe von Sonartechnik zur Lokalisierung, gefolgt von einer Untersuchung durch Taucher oder Unterwasserroboter. Die Netze werden an Bojen befestigt und häufig gemeinsam mit Fischern geborgen. Dederer stellte auch fest, dass Timmy sich nicht in einem „Geisternetz“ verfangen hat, sondern in einem aktiven Stellnetz. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie zeigt, dass das Problem nicht nur in verlorenen Netzen liegt, sondern auch in den aktiven Fangmethoden der Fischerei. Der WWF sieht die Bergung von Geisternetzen als gesellschaftspolitische Aufgabe und fordert eine bessere Prävention sowie eine klare Meldekette für die Zusammenarbeit zwischen Fischern, Behörden und Tauchbetrieben.

Ein Blick in die Zukunft

Die Meere sind das größte Ökosystem der Erde und eine Hauptnahrungsquelle für mehr als eine Milliarde Menschen. Doch die Gefahren durch Geisternetze sind enorm. Diese Netze fangen nicht nur Fische, sondern auch Robben, Wale, Meeresschildkröten und Tauchvögel, was oft zu einem qualvollen Tod führt. Schätzungen zufolge gehen jährlich 1.700 bis 3.000 Tonnen Fanggeräte in europäischen Meeren verloren. In der Ostsee sind es jährlich zwischen 5.000 und 10.000 Netzteile. Geisternetze machen 30 bis 50 Prozent des Meeresplastiks aus und verrotten erst nach 400 bis 600 Jahren – unfassbar! Mikroplastik aus diesen Netzen kann sich in der Nahrungskette anreichern und stellt eine ernsthafte Gefahr für marine Lebewesen dar.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Der WWF engagiert sich seit 2013 für die Bergung von Geisternetzen und hat Methoden zur umweltverträglichen Bergung entwickelt. In Europa ist die Entsorgung von Fischereigeräten auf See zwar verboten, doch in Deutschland gibt es keine Pflicht zur Bergung verlorener Netze. Das muss sich ändern. Der WWF fordert strengere Gesetze und bessere Markierungen von Netzen sowie Aufklärung über die Problematik. Projekte zur Bergung und zum Recycling von Netzen entstehen in Küstengemeinden weltweit, um den Lebensraum Meer zu schützen. Doch bis dahin bleibt Timmy, der Buckelwal, ein eindringliches Mahnmal für die Herausforderungen, die unsere Ozeane plagen.