In der malerischen Hansestadt Lüneburg, wo die alten Backsteinhäuser Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzählen, gibt es derzeit ein anderes Thema, das die Gemüter erhitzt. Seit Mai sind in den Wäldern, besonders im Tiergarten und am Bockelsberg, illegale Farbspritzer zu sehen. Diese „Graffiti“ sind nicht nur an Laternen, Mülleimern und Pollern aufgetaucht, sondern haben auch die Baumlandschaften erfasst. Stadtförster Per-Ole Wittenburg spricht von einer besorgniserregenden Zunahme des Besprühens von Bäumen, Bänken und Abfalleimern. Rund 100 Bäume sind betroffen, viele davon in Schutzgebieten, wo sie besonders schützenswert sind.
Die verwendeten Lackfarben sind nicht nur ein ästhetisches Ärgernis, sie können ernsthafte Schäden an den Bäumen und der umliegenden Flora und Fauna verursachen – insbesondere auf die kleinen, oft übersehenen Insekten, die für unser Ökosystem so wichtig sind. Die Entfernung dieser Farbe ist zudem oft mit weiteren Beeinträchtigungen verbunden. Um dem ein Ende zu setzen, hat die Stadt jetzt Strafanzeige erstattet und sucht nach sachdienlichen Hinweisen. Die Polizei Lüneburg ist bereits auf der Spur eines Verdächtigen, einem Mann aus Lüneburg, der in diesem Zusammenhang ins Visier geraten ist.
Die Geister sind los!
Doch das ist nicht die einzige sprühende Geschichte, die die Stadt beschäftigt. In den letzten Jahren sind über 500 farbenfrohe Graffiti-Geister in Lüneburg aufgetaucht. Diese Geister, die mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken – von fröhlich bis traurig – daherkommen, haben sich zu einem wahren Phänomen entwickelt. Viele Anwohner erfreuen sich an diesen bunten Kunstwerken, und es gibt sogar Instagram-Accounts, die Bilder dieser Geister sammeln. Doch die Sache hat auch ihre Schattenseiten. Ein 28-jähriger Mann wurde von der Polizei beim Sprayen eines Geistermotivs auf einem Stromkasten ertappt. Zunächst flüchtete er mit dem Fahrrad, doch die Polizei stellte ihn schließlich und fand in seinem Rucksack mehrere Sprühdosen. Ein bisschen wie in einem Krimi, oder?
Die Polizei hat mittlerweile seine Wohnung durchsucht und weitere Sprühdosen sowie Skizzenblöcke entdeckt. Obwohl unklar ist, ob er der Urheber aller Geister ist, ähneln die Graffiti aus der Tatnacht den anderen in der Stadt. Wegen Sachbeschädigung wird er in die Mangel genommen – ein Delikt, das nur auf Antrag verfolgt wird. In den letzten Monaten sind einige Strafanzeigen im einstelligen Bereich eingegangen, und es könnte für den Geister-Sprayer ernst werden. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zwei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe.
Ein Teil der Stadtgeschichte?
Die Geister-Graffiti haben mittlerweile einen festen Platz im Stadtbild eingenommen und sind nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in umliegenden Gemeinden zu finden. Eine Spendenkampagne mit dem Titel „Geistersprayer in Not“ wurde ins Leben gerufen, um den Sprayer finanziell zu unterstützen. Bis Dienstagnachmittag wurden fast 2000 Euro gesammelt – das ursprüngliche Ziel von 1500 Euro wurde also klar überschritten. Man fragt sich: Was passiert hier eigentlich? Ist das Kunst oder Vandalismus? Das ist wohl eine Frage, die die Lüneburger noch lange beschäftigen wird.