Am 6. Juni 2026 versammelten sich zahlreiche Gläubige im Mariendom von Hildesheim, um Bischof Heiner Wilmer gebührend zu verabschieden. Fast acht Jahre hat er hier gedient, und die Emotionen waren entsprechend aufgeladen. Ein besonderer Moment, der sich nicht nur um den Abschied drehte, sondern auch um den Blick in die Zukunft. Wilmer, der bald als neuer Bischof von Münster eingeführt wird, richtete seinen Appell an die versammelten Gläubigen, ruhig und bescheiden zu bleiben. „Die Kirche sollte Gehilfen der Freude der Menschen sein“, so sein eindringlicher Aufruf. Die Worte des zweiten Korintherbriefes, in dem es heißt, das Ziel sei ein Leben in Fülle für alle, hallten durch den Raum und ließen niemanden unberührt.
Die Atmosphäre war gespickt mit Dankbarkeit und Wehmut. Wilmer, der sich in Hildesheim „pudelwohl“ fühlte, bedankte sich herzlich bei den Mitarbeitenden und Gläubigen. Als symbolisches Abschiedsgeschenk erhielt er einen Setzling für einen Rosenstock. „Ein schöner Gedanke“, dachte ich mir, als ich sah, wie er das Geschenk in die Hände nahm. Es ist mehr als nur ein Abschied – es ist auch der Beginn eines neuen Kapitels, das mit Herausforderungen und Hoffnungen gefüllt ist.
Ein neuer Weg in Münster
Am 21. Juni wird Heiner Wilmer in Münster eingeführt, und er hat bereits klare Vorstellungen für seine neue Rolle. Sein Engagement für Reformthemen in der katholischen Kirche bleibt ungebrochen. Themen wie die Rolle von Frauen, der Pflichtzölibat und die synodalen Strukturen – all das möchte er weiterhin auf die Agenda setzen. „Wir müssen die aktuellen Anliegen der Menschen aufnehmen und uns im Wandel befinden“, hat er mehrfach betont. Tradition ist wichtig, aber die Kirche sollte nicht nur von der Vergangenheit erzählen. Das ist ein Punkt, den viele in der Gemeinde nicken würden, so schien es mir. Es gibt viel zu tun, und der Weg ist steinig, aber Wilmer hat den Mut, diesen Weg zu gehen.
Sein Wechsel kommt zu einer Zeit, in der die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche unerlässlich ist. Die Forderungen von Betroffenen sind klar: eine dauerhafte Aufmerksamkeit für die Aufarbeitung von Missbrauch. Der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz hat bereits den Wunsch geäußert, einen aktiven Austausch mit Wilmer zu pflegen. „Wir brauchen einen intensiveren und verbindlicheren Dialog“, sagen sie. Wilmer hat sich in der Vergangenheit für Transparenz und Reformen ausgesprochen, aber die Defizite im Umgang mit dem Thema Missbrauch sind nach wie vor alarmierend.
Ein Blick auf die Realität
Die Realität ist bedrückend. Recherchen des ARD-Magazins Fakt zeigen, dass das Ausmaß sexueller Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland seit 1945 größer ist, als offiziell bekannt. Über 6.500 Betroffene und fast 3.000 Beschuldigte – das sind Zahlen, die erschüttern. Im Vergleich zur MHG-Studie von 2018 sind das erschreckend hohe Zuwächse. Diese Dunkelziffer wirft einen Schatten auf die Kirche, und die Stimmen der Betroffenen verlangen nach Gehör. Ein bekannter Fall ist der von Norbert Denef, der als Kind von einem Vikar missbraucht wurde. Die Taten wurden oft nicht ausreichend verfolgt, und das ist nur einer von vielen. Es ist kein Einzelfall, sondern ein System, das aufgebrochen werden muss.
Die Aufarbeitung begann 2010, doch die Kritik bleibt: In vielen östlichen Bistümern, wie von Sabine Otto, Sprecherin des Betroffenenbeirats Ost, angemerkt, scheint nicht viel zu geschehen. „Das Thema muss ernst genommen werden“, sagt sie. Die östlichen Bistümer hingegen betonen, dass die Aufarbeitung ein wichtiges Thema sei. Hier wird deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen sind, vor denen die Kirche steht. Und während Wilmer seinen neuen Posten in Münster antritt, bleibt die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt eine Priorität, die nicht in Vergessenheit geraten darf.