Am Montagmorgen, den 8. Juni 2026, verwandelte sich der Hörsaal im Zentralen Hörsaalgebäude (ZHG) der Uni Göttingen in ein lebendiges Zentrum des Protests. Rund 20 Studierende besetzten den Raum – eine Reaktion auf die Schließung des Autonomicums, einem selbstverwalteten Raum, der seit Mitte der 2000er-Jahre als wichtiger Treffpunkt für viele Aktivitäten diente. Die Uni begründete diese Schließung mit einem „Gesundheitsgefahr“-Schild und dem angeblichen Befall von Schaben und Mäusen. Doch die Besetzerinnen sind sich sicher: Schädlinge waren hier nicht zu finden!
Das Autonomicum, mit seinen 60 Quadratmetern, war mehr als nur ein Raum – es war ein Ort der Selbstverwaltung, der Kreativität und des Austauschs. Rund um die Uhr geöffnet, ermöglichte er den Studierenden, sich zu treffen, zu diskutieren und Veranstaltungen zu organisieren, alles finanziert durch Spenden. Jetzt, wo der Raum geschlossen ist, nutzen die Besetzerinnen den Hörsaal als Ersatz. Sie laden andere Studierende ein, teilzunehmen und ihre Stimmen zu erheben, bis das Autonomicum zurückgegeben wird.
Ein Ort der Selbstverwaltung
Die Schließung des Autonomicums kam für viele überraschend und sorgte für Unmut. Die Uni warf den Studierenden im Jahr 2023 Mietforderungen von 500 Euro pro Monat für Nebenkosten und 500 Euro pro Semester vor – eine Forderung, die den Geist der Selbstverwaltung, den diese Gemeinschaft so schätzt, einfach ignoriert. Dabei ist das Autonomicum der Nachfolger des studentisch selbstverwalteten Café Kollabs, das 2006 nach einem Brand geschlossen wurde. Es scheint, als würde sich die Geschichte wiederholen. Bereits 2008 besetzten Studierende einen Raum im ZHG, um für ihre Rechte zu kämpfen, und auch damals gab es Widerstand gegen die Autoritäten.
Die Situation wirft Fragen auf: Warum wird das Autonomicum nicht offiziell anerkannt, während andere Hochschulgruppen kostenlos Räume nutzen können? Die Pressestelle der Uni schweigt zu den Mietforderungen und der Rückgabe des Raums. Die Unklarheit über den aktuellen Nutzungsvertrag des Autonomicums trägt zur Unsicherheit bei und sorgt für noch mehr Unmut unter den Studierenden.
Ein Blick in die Geschichte
Die aktuellen Proteste lassen sich auch im historischen Kontext der deutschen Studentenbewegung verorten. In den 1960er-Jahren forderten Studierende ein Ende der alten Strukturen und ein Umdenken in der Bildungspolitik. Die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen führte zu einer Welle von Protesten, die die Universitäten in ganz Deutschland erfassten. Sit-ins, Go-ins und Teach-ins wurden zu den bevorzugten Formen des Widerstands. Die damaligen Studenten forderten soziale Chancengleichheit und bessere Lernbedingungen – Anliegen, die auch heute noch relevant sind.
Die Verbindung zwischen den damaligen Kämpfen und den aktuellen Protesten an der Uni Göttingen ist spürbar. Hier geht es nicht nur um einen Raum, sondern um das Prinzip der Selbstverwaltung und der Mitbestimmung. Die Besetzer*innen sind bereit, für ihre Überzeugungen einzustehen und ihre Stimme zu erheben, genau wie ihre Vorgänger in der Vergangenheit.
Es bleibt abzuwarten, wie die Uni auf diesen Protest reagieren wird und ob die Studierenden schließlich ihr Autonomicum zurückbekommen. Bis dahin wird der Hörsaal im ZHG zum Schauplatz für Diskussionen, kreative Ideen und das Streben nach einer besseren Zukunft für alle Studierenden an der Universität Göttingen.