In Lubmin bei Greifswald steht ein Stück Zeitgeschichte, das seit über 30 Jahren im Rückbau ist: das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald. Hier, wo einst 10.000 Menschen für die Energieversorgung der DDR arbeiteten, ruht der Reaktorblock 6, der nie in Betrieb genommen wurde. Der Rückbau des Kraftwerks, für den das Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) seit 1995 verantwortlich ist, wird voraussichtlich bis in die 2040er-Jahre andauern.

Im Jahr 2023 wurde von Mikrobiologe Tom Lichtenthäler eine Initiative ins Leben gerufen, die den Erhalt des Reaktorblocks KGR 6 zum Ziel hat. Diese Idee entstand aus einem Beschluss des Kreisverbands Vorpommern-Greifswald der Grünen. Unterstützt wird Lichtenthäler von Andrej Quade, dem Museumverband MV, sowie dem Historiker Olaf Strauß. Die Initiative möchte Ideen zur Nachnutzung des Reaktorblocks sammeln, etwa als Museum, Kletterhalle oder für kulturelle Veranstaltungen. Das Besondere: Der Block gehört dem Volk, was private Erwerbsversuche überflüssig macht.

Ein Ort der Erinnerung und des Wandels

Der Standort des Kernkraftwerks wurde 1965 durch ein Regierungsabkommen zwischen der DDR und der UdSSR festgelegt. Lubmin wurde aufgrund der ausreichenden Kühlwasserbereitstellung und der niedrigen Siedlungsdichte gewählt. Der Bau der ersten vier Reaktorblöcke, die zwischen 1974 und 1979 in Betrieb gingen, war ein bedeutendes Unterfangen, das etwa 10 % des Strombedarfs der DDR deckte. Der Reaktortyp WWER-440/230 war wassergekühlt und ähnelt westlichen Leichtwasserreaktoren.

Die Hochphase der Energieproduktion wurde jedoch von Sicherheitsbedenken überschattet. In den 1980er Jahren entsprach die Sicherheit der Reaktoren nicht mehr den Standards, was zu einer geplanten Rekonstruktion führte. Im Jahr 1990, nach der Wiedervereinigung, wurde die Stilllegung der Blöcke 1 bis 4 beschlossen, während Block 5 im Probebetrieb war und Block 6 bereits fertiggestellt, jedoch nicht in Betrieb genommen wurde.

Die Zukunft des Reaktorblocks KGR 6

Der Erhalt des Reaktorblocks KGR 6 könnte langfristig unter Denkmalschutz stehen; die Prüfung läuft. Eine Trennung von KGR 6 während des Rückbaus von Block 5 wird derzeit noch geprüft. Die Herausforderungen sind sowohl baulicher als auch finanzieller Natur. Während das Kernkraftwerk Greifswald in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund trat, gibt es nun Bestrebungen, aus dieser Stille einen Ort der Erinnerung und des Wandels zu gestalten.

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Der Rückbau aller Kernkraftwerke in Deutschland ist ein langwieriger Prozess, der nicht nur die physischen Strukturen betrifft, sondern auch die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit aufwirft. Im April 2023 endete die Ära der Atomenergie in Deutschland mit dem Abschalten der letzten drei Kernkraftwerke. Einige Kraftwerksstandorte haben bereits den vollständigen Rückbau vollzogen, während andere auf ihre Zukunft warten. Der Erhalt von Kraftwerksgebäuden als Denkmäler und Landschaftsmarken wird zunehmend diskutiert.

In diesem Kontext könnte der Reaktorblock KGR 6 in Lubmin zu einem Symbol des Wandels werden – ein Ort, der die Geschichte der Energieversorgung in der DDR reflektiert und gleichzeitig neue Möglichkeiten für kulturelle und soziale Initiativen bietet. Die Forderungen nach Erhalt und kreativer Nutzung der alten Strukturen sind laut und vielfältig. Die Diskussion darüber, wie wir mit unserer technischen Geschichte umgehen, wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen.