Der Botanische Garten der Christian-Albrechts-Universität Kiel hat ein bemerkenswertes Gütesiegel des Weltverbands der Botanischen Gärten (BGCI) erhalten. Damit ist er der erste Garten in Deutschland, der mit dieser Auszeichnung geehrt wird. In der Fachwelt wird dies als wahrer „Ritterschlag“ angesehen. Der Garten hat sich durch hohe internationale Standards in den Bereichen Forschung, Artenschutz und Bildung hervorgetan. Dietrich Ober, der Direktor des Botanischen Gartens, hebt hervor, dass die Einrichtung eine aktive Rolle im Kampf gegen das Artensterben spielt.
Das verliehene Gütesiegel basiert auf herausragenden Leistungen in sechs Disziplinen: dem Erhalt der biologischen Vielfalt, einem klaren Fokus auf Artenschutz, einer lückenlosen Dokumentation der Pflanzenbestände, wissenschaftlicher Exzellenz sowie einem durchdachten Nachhaltigkeitsmanagement, zu dem auch Recycling und die Kompostierung gehören. Der Botanische Garten erstreckt sich über eine Fläche von acht Hektar und bietet ein etwa zehn Kilometer langes Wegnetz, das Pflanzenarten aus aller Welt präsentiert. Besonders im Winter sind die Gewächshäuser eine wahre Attraktion für Besucher.
Ein Vorbild für die Arterhaltung
Rund 40 Prozent der weltweiten Pflanzenvielfalt gelten als gefährdet, was die Bedeutung von Botanischen Gärten als wichtige Quellen für die Arterhaltung unterstreicht. Eine internationale Studie, an der die Botanischen Gärten der Universität Bonn beteiligt sind, hat gezeigt, dass Botanische Gärten zunehmend unter Einschränkungen bei der Weiterentwicklung ihrer Sammlungen leiden. Diese Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution, untersucht 1,9 Millionen Datensätze aus 50 wissenschaftlichen Gärten weltweit und deckt auf, dass über 40% der globalen Pflanzenarten betroffen sind.
Die Herausforderungen beim Entnehmen von neuem Pflanzenmaterial aus der Natur gefährden die Pflanzensammlungen, und die lebenden Pflanzen sterben im Durchschnitt nach etwa 15 Jahren, was Neubeschaffungen erforderlich macht. Erschreckenderweise sind Neubeschaffungen nicht-heimischer Pflanzen seit 1993 um 38% rückläufig. Die internationale Biodiversitätskonvention erschwert zudem den Austausch von Wissen und Material zwischen den Gärten.
Die Zukunft der Botanischen Gärten
Dr. Cornelia Löhne, wissenschaftliche Leiterin der Botanischen Gärten der Uni Bonn, betont die Notwendigkeit eines globalen Netzwerks von Lebendsammlungen. Eine transparente Dokumentation jeder Sammlung ist entscheidend für den Austausch von Pflanzenmaterial. Die Botanischen Gärten in Bonn dokumentieren bereits seit den 1980er Jahren alle Daten in einer Datenbank und stehen gut vorbereitet für den Ausbau globaler Kooperationen.
In Anbetracht dieser Herausforderungen und der dringenden Notwendigkeit, bestimmte Arten wie Pelagodoxa henryana und Nephthytis hallaei zu erhalten, ist eine fundierte Priorisierung beim Management der Pflanzensammlungen unerlässlich. Die wissenschaftliche und gärtnerische Expertise wird entscheidend sein, um die Sammlungen zukunftssicher zu gestalten. Zukünftige Schwerpunktsammlungen könnten unter anderem Silberbaumgewächse, regionale Nutzpflanzen und Geophyten umfassen. In dieser Hinsicht gibt Michael Neumann sein Wissen über Geophyten an die nächste Generation weiter und trägt so aktiv zur Erhaltung der Pflanzenvielfalt bei.
Die Auszeichnung des Botanischen Gartens in Kiel ist nicht nur ein Grund zur Freude für die Region, sondern auch ein wichtiges Signal für die Notwendigkeit des Artenschutzes und die Bewahrung der biologischen Vielfalt. Die Herausforderungen sind groß, doch der Wille, sich dafür einzusetzen, ist ungebrochen.