In Kiel, am Kurt-Schumacher-Platz, erhebt sich der Hochhauskomplex „Weißen Riesen“. Ein imposantes Gebäude, 85 Meter hoch, das seit 1965 in der Stadt steht. Doch die Fassade kann trügen – hier ist die Polizei nicht nur für Ruhestörungen im Einsatz. Ein Vorfall in der Nacht zu Dienstag, um 0:45 Uhr, hat die Gemüter erregt: Ein großes Stück einer Gehwegplatte, 20 x 10 cm groß und 5 cm dick, fiel auf einen Streifenwagen. Die Windschutzscheibe zerbrach, eine 25-jährige Polizistin verletzte sich an Hand und Sprunggelenk. Die Staatsanwaltschaft hat eine Belohnung von 1000 Euro für Hinweise auf den Täter ausgesetzt. Moment mal – wo kam die Platte überhaupt her? Aus einem der 242 Wohnungen, vermutlich aus den oberen Stockwerken, aber das bleibt unklar.
Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: 2024 sind in Deutschland 106.875 Polizisten Opfer von Gewalttaten geworden, 1167 mehr als im Vorjahr. Und kein Wunder – die Polizeieinsätze im „Weißen Riesen“ scheinen Routine zu sein. 2025 wurden hier 107 Einsätze verzeichnet. Die Mieten sind günstig, aber die hygienischen Bedingungen? Da könnte man schon ins Grübeln kommen — verschmutzte Wände, Müll überall, das zieht nicht gerade die besten Nachbarn an. Anwohner wie die 19-jährige Fenya Sender berichten von ihren Erfahrungen, die bisher positiv sind – sie hat sogar ein Taschenmesser mitgeführt, aus Sicherheitsgründen, versteht sich. Und Jan-Peter Kruse, 52, lebt seit 12 Jahren hier; er beschreibt seine Nachbarn als nett, aber auch als kriminell. Ein gefährliches Gemisch, das einen schaudern lässt.
Ein gefährlicher Ort?
Thomas Koch, 61 Jahre alt, warnt vor den Gefahren, die hier lauern. Er erinnert sich an einen Vorfall mit einem Blumentopf, den jemand aus einem Fenster geworfen hat. Die Anwohner kennen sich kaum, viele haben keine Hinweise auf den Täter, und die Polizei hat bislang keine konkreten Hinweise. Die Unsicherheit schwebt wie ein Schatten über dem „Weißen Riesen“. Auch Mohammad Said Omar, der einen Kiosk in der Nähe betreibt, hat wenig Positives zu berichten. Einbrüche und Bedrohungen mit einem Messer sind in seinem Alltag keine Seltenheit. Ein Ort, an dem man nicht einfach so durchatmen kann.
Doch es gibt noch eine andere Seite der Medaille. Seit August 2023 laufen Ermittlungen gegen zwei Kieler Polizisten wegen des Anfangsverdachts einer Körperverletzung im Amt. Der Vorfall, der dazu führte, ereignete sich im Januar 2023, als ein 28-Jähriger von den Beamten durchsucht und dabei geschlagen wurde. Der Mann erlitt eine Nasenbeinfraktur und Schürfwunden im Gesicht. Das Kieler Amtsgericht sprach ihn schließlich frei, nachdem ein Video eines Anwohners die Darstellung der Polizei widerlegte. Ein weiterer Beleg dafür, dass das Vertrauen in die Ordnungshüter hier auf der Kippe stehen könnte.
Die Situation im „Weißen Riesen“ ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Probleme – ein Ort, der sowohl Hoffnung als auch Angst in sich trägt. Die Bewohner leben in ständiger Unsicherheit. Die Polizei, einst ein Freund, wird zunehmend als Feind wahrgenommen. In einer Stadt wie Kiel, die sich auf der einen Seite mit einer reichen Geschichte und einem Lebensstil rühmt, gibt es auf der anderen Seite unübersehbare Schatten, die das Bild trüben. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage entwickeln wird und ob sich die Wogen glätten oder weiter aufbäumen werden.