In Norddeutschland tut sich etwas Spannendes: Halbleiterunternehmen und Forschungseinrichtungen aus Hamburg und Schleswig-Holstein haben sich zusammengetan, um ein Netzwerk zur Förderung der regionalen Chipindustrie zu gründen. Dieses Netzwerk trägt den Namen Northern Chip Network und vereint namhafte Unternehmen wie Nexperia, NXP Semiconductors, Semikron Danfoss, Vishay und X-Fab. Mit dieser Initiative soll nicht nur die lokale Wirtschaft gestärkt werden, sondern auch der Zugang zu Fördergeldern des European Chips Act erleichtert werden.
Das Northern Chip Network zielt darauf ab, die Entwicklung von Leistungshalbleitern, Analog- und Mixed-Signal-Schaltungen sowie mikroelektromechanischen Systemen (MEMS) voranzutreiben. Insbesondere die Hamburger Niederlassung von Nexperia hat eine interessante Geschichte: Sie hat ihre Wurzeln in NXP und Philips Semiconductors und gehört seit 2016 einem chinesischen Konsortium. Vishay, ein weiterer Beteiligter, ist bekannt dafür, in Norddeutschland MOSFET-Leistungshalbleiter zu produzieren, die für zahlreiche moderne Technologien unerlässlich sind.
Die Rolle der Halbleiter in der modernen Welt
Halbleiter sind das Herzstück der digitalen Transformation. Sie sind die winzigen, kontaktlosen Schalter, die in Mikrochips verbaut werden und für die Steuerung von Fabriken, Automobilanwendungen und sogar KI-Systemen entscheidend sind. Ihre Bedeutung wird besonders klar, wenn man bedenkt, dass in einem typischen Auto über 1.000 Mikrochips verbaut sind. Fehlen diese Komponenten, kann die Produktion ganz schnell ins Stocken geraten.
Der europäische Marktanteil an der weltweiten Halbleiterproduktion hat sich von 21% im Jahr 2000 auf etwa 8% verringert, wobei Deutschland mit einem Marktanteil von nur 3% dasteht. Die Nachfrage nach Halbleitern ist in den letzten Jahren rasant gestiegen, insbesondere im Automobil- und Maschinenbau, die zusammen über 60% der Abnehmerindustrien in Europa ausmachen. Laut dem VDMA wird bis 2030 eine Verdopplung des Bedarfs an Chips im Industriesektor erwartet.
Herausforderungen und Chancen
Die Herstellung von Mikrochips ist ein komplexer Prozess, der mehrere tausend Einzelschritte umfasst und Monate in Anspruch nehmen kann. Starke internationale Abhängigkeiten und geopolitische Spannungen können die Lieferketten der Halbleiterindustrie gefährden. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, dass die mikroelektronische Branche sich ökologisch transformiert, um ressourcensparende Produktionsprozesse und Klimaneutralität zu erreichen.
Mit dem European Chips Act, der im September 2023 in Kraft trat, sollen die Wettbewerbsfähigkeit Europas gestärkt und neue Fertigungskapazitäten aufgebaut werden. Ein weiteres wichtiges Projekt ist das IPCEI Mikroelektronik, das innovative Projekte in Deutschland mit rund einer Milliarde Euro fördert. Dies hat bereits 2.500 Arbeitsplätze und 350 neue Patente geschaffen.
Ein Blick in die Zukunft
Die Ausbildung von Fachkräften ist eine der größten Herausforderungen für die europäische Halbleiterindustrie. Bis 2030 wird eine Bedarfslücke von 75.000 Beschäftigten erwartet. Um dem entgegenzuwirken, sollen internationale Talente angeworben und bürokratische Hindernisse verringert werden. Die geplanten Kompetenzzentren in ganz Europa sollen dazu beitragen, ein starkes Netzwerk zu schaffen und die Sichtbarkeit der Halbleiterindustrie zu erhöhen.
Norddeutschland hat mit dem Northern Chip Network die Chance, eine Schlüsselrolle in der Entwicklung von Halbleitern zu übernehmen und damit nicht nur die regionale Wirtschaft zu stärken, sondern auch einen Beitrag zur globalen technologischen Wettbewerbsfähigkeit zu leisten. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Region das Potenzial, das ihr zugeschrieben wird, tatsächlich ausschöpfen kann.