In der beschaulichen Stadt Vechta fand kürzlich ein Vortrag statt, der in der Fußballwelt gewaltige Wellen schlagen könnte. Der Journalist und Buchautor Ronny Blaschke war zu Gast bei der zehnten „vechtaer trust lecture“, initiiert von Univ.-Prof. Dr. Martin K. W. Schweer. Sein Thema: Rassismus im Fußball – ein Problem, das nicht nur die großen europäischen Ligen betrifft, sondern tief verankert in unserer Gesellschaft steckt. Die leidenschaftlichen Beleidigungen und der Hass, der in sozialen Medien herumgeistert, sind nur die Spitze des Eisbergs. Es geht um viel mehr, als wir oft wahrhaben wollen.
Blaschke machte in seinem Vortrag deutlich, dass Rassismus im Fußball kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Problem, das sich durch die gesamte Geschichte des Sports zieht. Interessanterweise sind viele der aktuellen Strukturen das Ergebnis historischer Prozesse, die oft mit kolonialen Hintergründen verknüpft sind. Man fragt sich, wie viel von dieser historischen Last wir noch heute tragen? Der Fußball, der uns Freude und Gemeinschaft bringen sollte, schließt immer noch viele lokale Bevölkerungen aus, die nicht einmal als Zuschauer willkommen sind.
Der Blick auf die aktuellen Strukturen
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass Spieler mit Migrationshintergrund in Nationalmannschaften überproportional vertreten sind, während die Führungspositionen in den Verbänden eine ganz andere Realität abbilden. Hier sieht man, dass Diversität oft nur ein Schlagwort ist, das in den Fankurven nicht einmal ansatzweise widergespiegelt wird. Es wird klar, dass Fußball für viele Menschen mit Migrationsgeschichte ein unsicherer Raum ist, in dem sie sich nicht willkommen fühlen. Blaschke und Schweer betonten die Notwendigkeit klarer Regeln zur Sanktionierung diskriminierenden Verhaltens. Das geht über den Fußball hinaus und betrifft die gesamte Gesellschaft.
Die Diskussion um Rassismus im Fußball hat in letzter Zeit an Fahrt aufgenommen. Der DFB hat die Anti-Rassismus-Kampagne „Fußballzeit ist die beste Zeit gegen Rassismus“ ins Leben gerufen, um nicht nur die Profis, sondern auch die Amateurvereine zu sensibilisieren. Gerade die lokalen Vereine sind oft die ersten Anlaufstellen für junge Migranten und Flüchtlinge, die hier eine neue Heimat suchen. Man könnte sagen, der Fußball hat das Potenzial, Brücken zu bauen, aber er muss auch bereit sein, die eigenen Strukturen zu hinterfragen.
Ein Spiegel der Gesellschaft
Rassismus im Fußball ist nicht nur ein Problem auf dem Platz. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, das in vielen Facetten auftritt. Jude Bellingham und Vinícius Júnior haben in der letzten Zeit öffentlich über ihre Erfahrungen mit Rassismus gesprochen. Es ist frappierend und frustrierend, dass solche Vorfälle immer wieder vorkommen. Die Berichterstattung der Medien verstärkt oft rassistische Stereotype, und das hat zur Folge, dass Spieler aufgrund ihrer Hautfarbe in bestimmte Positionen gedrängt werden. Ein Blick auf die Bundesliga 2020/21 zeigt, dass von 20,6% der Spieler mit schwarzem Hintergrund kein einziger schwarzer Torwart war. Das lässt einen schon ins Grübeln kommen, oder?
Blaschke und die Teilnehmer der Lecture waren sich einig: Es braucht langfristige, rassismuskritische Arbeit, um wertschätzende Erfahrungen zu fördern. Die Verantwortung darf nicht nur bei den Spielern liegen; auch institutionelle und politische Akteure sind gefragt. Die Veranstaltung in Vechta lieferte Denkanstöße für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Rassismus im Fußball und zeigte, wie wichtig es ist, Werte wie Respekt und Wertschätzung bereits im Bildungssystem zu verankern.
Wenn wir uns die Entwicklungen in Europa anschauen, wird deutlich, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Kick It Out berichtet von einem 65%igen Anstieg der gemeldeten Diskriminierungsfälle in Europa. Strenge Strafen, wie Stadionverbote, könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Es liegt an uns allen, die Machtstrukturen zu hinterfragen und einen Raum zu schaffen, der wirklich für alle offen ist.