Die Ostfriesischen Inseln Norderney und Baltrum stehen vor einem großen Umbruch. Im Sommer 2023 wird die spannungsgeladene Arbeit an den Stromkabeln für die Anbindung von Windparks weitergeführt. Wer am Nordstrand von Norderney einen Tag am Strand verbringen möchte, muss sich auf einige Einschränkungen einstellen. Während das Verlegeschiff „Barbarossa I“ Kabel in bereits verlegte Leerrohre einzieht, wird der Badestrand für die Dauer der Arbeiten gesperrt. Hier werden rund 700 Meter Kabel verlegt, die dann mit Seilwinden in die unterirdischen Schutzrohre eingezogen werden. Geplant ist, dass die Arbeiten bis Anfang Juli 2023 abgeschlossen sind.
Auf Baltrum geht es ebenfalls hoch her. Hier sind rund 1.800 Meter lange Horizontalbohrungen für neue Stromkabel vorgesehen. Tennet, der Netzbetreiber, hatte bereits im Vorjahr den ersten Teil der Bohrungen erfolgreich durchgeführt. In diesem Sommer soll nun die Verlegung der Kabel zwischen der Inselsüdseite und dem Festland zwischen Juli und September 2023 folgen. Mit Vibrationstechnik sollen die Kabel bis zu drei Meter tief in den Wattboden eingebracht werden. Das ist notwendig, damit die Windenergie von den Konverterstationen auf See bis ans Festland transportiert werden kann. Die Netzanbindungssysteme DolWin4 und BorWin4 sollen ab 2028 eine Leistung von bis zu 1,8 Gigawatt transportieren – das entspricht dem Energiebedarf einer Großstadt wie Hamburg!
Ein großes Vorhaben mit Schattenseiten
Doch nicht alles läuft ganz glatt. Umwelt- und Naturschutzverbände äußern kräftige Bedenken hinsichtlich der ökologischen Folgen für das Wattenmeer. Neun dieser Organisationen haben ein Positionspapier herausgegeben, das vor den potenziellen Schäden warnt, die der Lebensraum Wattenmeer durch die Kabeltrassen erleiden könnte. Sie fordern einen naturverträglichen Ausbau und suchen nach alternativen Anbindungswegen, die nicht durch den Nationalpark führen. Schließlich hat das Wattenmeer den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes und steht unter strengen Schutzmaßnahmen – das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Ein weiterer Punkt, der für Diskussionen sorgt, ist das enge Zeitfenster, in dem die Bauarbeiten durchgeführt werden dürfen. Diese müssen nach dem Brutvogelschutz und vor der Sturmflutsaison im Herbst stattfinden, was sich unweigerlich mit dem Tourismushochbetrieb im Sommer beißt. Das ist nicht nur für die Anwohner, sondern auch für die Touristen, die die Schönheit der Region genießen wollen, ein gewisses Dilemma.
Die Zukunft der Windenergie
Abgesehen von den aktuellen Arbeiten gibt es bereits Pläne für die Zukunft. Am 20. Mai 2025 wurde bekannt gegeben, dass Norderney und Baltrum erneut unterbohrt werden. Diesmal geht es um die Netzanbindungssysteme „BalWin3“, „LanWin 1“ und „LanWin 4“. Die Bohrungen sollen in etwa 20 Metern Tiefe erfolgen und dabei bis zu 1.800 Meter weit reichen. Diese Maßnahmen sind Teil eines größeren Vorhabens, das bis 2045 insgesamt 70 Gigawatt Offshore-Leistung installieren soll. Für Niedersachsen bedeutet das einen deutlichen Schritt in Richtung Klimaneutralität bis 2040 – ein Ziel, das viele vorantreiben.
Doch die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen. Die Inbetriebnahme der neuen Stromkabel wird für 2031 geplant, und die Arbeiten auf Norderney werden im Schichtbetrieb erfolgen müssen. Das Ganze hat also das Potenzial, die Region stark zu prägen – sowohl in ökologischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Während die einen die Energiewende als notwendig erachten, sehen andere die Gefahr, dass der Schutz des sensiblen Ökosystems in den Hintergrund gedrängt wird. Die Diskussion ist also alles andere als beendet.