In Emden, einer Stadt voller Erinnerungen und Geschichten, nimmt die virtuelle Realität Gestalt an – und das nicht nur in Form von technischer Spielerei. Der Verein „buten na binnen“ hat eine brillante Initiative ins Leben gerufen, die es Menschen in Pflegeheimen ermöglicht, ihre Lieblingsorte virtuell zu besuchen. Ursula Zieseniß, 60 Jahre alt, ist eine dieser Personen. Sie lebt in einer Pflegeeinrichtung und sitzt nun auf einem Heimtrainer, während sie eine Radtour durch ihren Heimatort Petkum unternimmt. Wie oft hat sie diesen Ort in den letzten sieben Jahren vermisst? Zu lange, um genau zu sein.

Die Fahrt auf dem Heimtrainer wird durch einen Bildschirm zum Leben erweckt, auf dem eine zuvor gefilmte Route zu sehen ist. Die Pflegerin Anja Tews-Maczurek hat alles für Ursula festgehalten. Es ist, als würde sie wieder durch die vertrauten Straßen fahren, in Erinnerungen schwelgen und an die gemeinsamen Erlebnisse mit ihrem Hund zurückdenken. „Es fühlt sich schön an, wieder etwas anderes zu sehen“, sagt Zieseniß und strahlt dabei ein warmes Gefühl der Nostalgie aus. Diese virtuelle Reise ist nicht nur ein technisches Abenteuer, sondern auch eine Brücke zwischen den Bewohnern und den Pflegern.

Ein Stück Heimat zurückgewinnen

Frank Willms, der den Verein leitet, hat diese Idee aus einer persönlichen Not heraus geboren. Er kennt die Herausforderungen, die Demenz und Schlaganfall für Familien mit sich bringen. Mit Hilfe von Spenden finanziert er die technische Ausstattung, die inzwischen in knapp 20 Pflegeeinrichtungen in der Region Anwendung findet. Viele der Bewohner haben in ihrer Jugend viel Zeit auf dem Rad verbracht, oft auf dem Weg zur Werft. Der Nordseeküsten-Radweg, der durch diese malerische Region führt, gilt sogar als der längste Radweg der Welt – und jetzt können auch die, die nicht mehr selbst fahren können, ein Stück Freiheit zurückgewinnen.

Natürlich ist die virtuelle Realität nicht nur auf das Radfahren beschränkt. Sie eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten. In der Welt der VR können Menschen Orte erleben, die für sie physisch schwer zugänglich sind – sei es die ISS, einsame Inseln oder sogar die Antarktis. VR-Brillen wie die Oculus Quest 2 bieten einen dreidimensionalen Raumeindruck und ermöglichen es den Nutzern, sich im virtuellen Raum umzuschauen. Bei älteren Menschen hat diese Technologie eine hohe Akzeptanz gefunden, wobei nur wenige von ihnen unter Übelkeit leiden. Die ersten Reaktionen sind oft mit Staunen und Begeisterung verbunden.

Ein Weg zur Erinnerung

Aktuelle Forschungsprojekte zeigen, dass VR nicht nur unterhalten kann, sondern auch eine wertvolle Unterstützung bei der Biografiearbeit mit älteren Menschen bietet. Eine Studie, die vor der Covid-19-Pandemie durchgeführt wurde, hat gezeigt, wie virtuelle Reisen zu selbstgewählten Orten das Erinnern fördern können. In einer anderen Untersuchung erlebten zwölf Teilnehmer, im Durchschnitt 85 Jahre alt, eine solche virtuelle Reise mit der Oculus Quest 2 und berichteten von positiven Empfindungen. Es gab Genuss und das Gefühl, alte Erinnerungen wieder aufleben zu lassen – eine Art von Therapie durch Technik.

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Die Software, die bei diesen Reisen genutzt wird, basiert auf 360-Grad-Aufnahmen von Google Streetview. So werden Erinnerungen lebendig, die für viele unzugänglich geworden sind. Es gibt sogar Überlegungen, wie VR in der Ausbildung von Fachkräften angewendet werden könnte, um Simulationen von Demenz-Erfahrungen zu schaffen. Aber der Massenmarkt für solche Technologien ist noch nicht erreicht, und die Hardware ist oft teuer oder schwer zu bekommen.

In Emden jedoch, wo die Wellen der Nordsee gegen die Küste schlagen, wird die virtuelle Realität zu einem Werkzeug, um das Leben der Bewohner in Pflegeheimen ein Stück weit bunter und erinnerungsreicher zu gestalten. Die Idee, alte Pfade neu zu erleben, ist einfach nur großartig. Und wer weiß – vielleicht wird der nächste virtuelle Ausblick auf das Meer oder die vertrauten Straßen von Petkum nicht der letzte sein.