Inmitten des dichten Waldes Niedersachsens, wo das Gestrüpp die letzten Überreste eines einst bedeutenden Gebäudes überwuchert, steht die Ruine des Waldkrankenhauses Wintermoor. Ein Schatten der Vergangenheit, der von der Geschichte erzählt – einer Geschichte, die nicht nur von medizinischer Versorgung handelt, sondern auch von der dunklen Zeit der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Ursprünglich 1941 durch russische und polnische Zwangsarbeiter im Rahmen der berüchtigten „Organisation Todt“ errichtet, öffnete die Klinik 1943 als Ausweichstelle für das Hamburger Krankenhaus ihre Türen. Mit anfänglich 400 Betten wurde sie schnell auf 825 Betten erweitert, doch der Preis war hoch: Viele Patienten verstarben und fanden ihre letzte Ruhe in einem nahegelegenen Notfriedhof.
Die medizinische Versorgung in der Klinik war umfassend. Abteilungen für Innere Medizin, Infektions- und Lungenkrankheiten, Chirurgie, ein Röntgenlabor, Operationsräume und eine Apotheke waren vorhanden. Auch eine Kinderklinik war Teil der Einrichtung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Krankenhaus ab 1947 zur Tuberkuloseklinik umfunktioniert, bis 1976 schließlich der Betrieb eingestellt wurde. Neue Medikamente hatten die Behandlung überflüssig gemacht. Danach folgten verschiedene Nutzungen, darunter eine Fachklinik für Knochen- und Gelenkchirurgie und ein Altenpflegeheim bis 2005. Seitdem steht das Gebäude leer und verfällt zusehends – es gab Vandalismus und Brandstiftungen. Das Betreten des Geländes ist verboten, und die Stadt Schneverdingen ist Eigentümerin der Ruine.
Die Schatten der Zwangsarbeit
Doch was oft in den Hintergrund rückt, sind die Menschen, die unter erbärmlichen Bedingungen in der Klinik arbeiteten und behandelt wurden. Zwangsarbeitende waren nicht nur Beschäftigte, sondern auch Patienten, und standen in einem System, das ihre Rechte missachtete. Die nationalsozialistischen Ideologien beeinflussten die medizinische Behandlung erheblich. Es ging um Verwertbarkeit und eine rassistische Hierarchie, die den „gesunden Volkskörper“ propagierte. Während zivile ausländische Zwangsarbeitende in Deutschland grundsätzlich krankenversichert waren, litten insbesondere Bürger der Sowjetunion und Polen unter diskriminierenden Bedingungen. Oft erhielten sie die schlechteste medizinische Versorgung und waren den schlimmsten Verletzungen und Erkrankungen ausgesetzt.
Ein Beispiel ist Wladimir M. aus der Sowjetunion, der trotz seiner drei Versichertenkarten für Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft nur selten die nötige medizinische Versorgung erhielt. Rassistische Vermerke auf seinen Karten zeugen von der Unmenschlichkeit des Systems. Während er im Göttinger Klinikum wegen eines Magengeschwürs behandelt wurde, war der Streit um Krankengeld ein weiteres Zeichen für die Ungerechtigkeiten, die Zwangsarbeitende erleiden mussten.
Ein düsteres Erbe
Die Geschichte des Waldkrankenhauses Wintermoor ist Teil eines weitaus größeren Bildes. Der Einsatz von Zwangsarbeitern im Gesundheitswesen bleibt ein weitgehend unerforschtes Terrain der deutschen Geschichte. Bei einem der letzten Deutschen Ärztetage wurde deutlich, dass es an der Zeit ist, sich mit den Entschädigungsforderungen für ehemalige Zwangsarbeiter auseinanderzusetzen. Schätzungen zufolge erlitten über 12 Millionen Menschen Zwangsarbeit, viele von ihnen stammten aus Osteuropa. Die hygienischen Bedingungen waren oft katastrophal, sodass viele Zwangsarbeiter gesundheitlich geschädigt wurden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die persönlichen Schicksale und die historische Aufarbeitung des Einsatzes von Zwangsarbeitern in der Medizin nicht aus den Augen zu verlieren.
Im Sommer 2021 begannen die Abrissarbeiten am Waldkrankenhaus, und bis heute wurden fast alle Gebäude entfernt – bis auf ein Bettenhaus, das als Artenschutzhaus für Fledermäuse dient. Ein passender Schlussstrich für ein Gebäude, das so viel Leid gesehen hat, und ein Ort, der sich nun langsam in die Natur zurückzieht. Doch die Erinnerungen, die Geschichten und der Schmerz, den Menschen hier erlitten haben, sollten nicht in Vergessenheit geraten. Sie sind Teil unserer gemeinsamen Geschichte, die wir nicht einfach hinter uns lassen können.