Im beschaulichen Delmenhorst, wo Tradition und Fortschritt aufeinandertreffen, sorgt ein KI-Roboter für Aufregung und Diskussionen. Am Willms-Gymnasium wird zurzeit ein europaweit einzigartiger Test mit dem KI-Roboter Capture durchgeführt. Dieser Roboter, der speziell für die Simulation mündlicher Prüfungen entwickelt wurde, hat sein Debüt in der Bio-Abiturprüfung gegeben und stellt sich den Fragen der Schülerin Miriam Hollmann. Ein Experiment, das nicht nur die Zukunft der Prüfungen auf den Prüfstand stellt, sondern auch als Unterstützung für Lehrkräfte in Zeiten des Lehrermangels gedacht ist.
Die Entwickler des Roboters, unter anderem Vlad Grankovsky, haben mit Capture bereits im Dezember 2024 bei einer Podiumsdiskussion am gleichen Gymnasium für Aufsehen gesorgt. Der Roboter ist mittlerweile so weit entwickelt, dass er stehen und sitzen kann, was ihn noch menschenähnlicher erscheinen lässt. Doch trotz seines Fachwissens fehlt ihm das, was viele für unverzichtbar halten: Emotionen und persönliche Erfahrungen. Dies führt zu gemischten Gefühlen unter den Schülern. Während Pascal Thomas Schroller überzeugt ist, dass Capture neutraler und objektiver prüft als ein Mensch, sieht Leonita Bunjaku die Notwendigkeit einer menschlichen Lehrkraft, die als Protokollant fungiert. Lehrer Carsten Hellmich äußert Bedenken, da der Roboter weder die Schüler noch den Unterricht kennt.
Ein Experiment mit Herausforderungen
Während der Prüfung kam es zu einer unerwarteten Situation: Capture begann plötzlich, Englisch zu sprechen, was zu einer fünfminütigen Unterbrechung führte. Dennoch bestand Miriam Hollmann ihren Test-Durchlauf mit einer Note von Eins minus. Schulleiter Stefan Nolting zeigt sich beeindruckt von der Leistung des Roboters und betrachtet den Einsatz als eine Reaktion auf die aktuellen Entwicklungen im Bildungsbereich. Doch die Fragen bleiben: Wann und in welcher Form wird Capture erneut zum Einsatz kommen?
Die Diskussion über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Bildungsbereich ist in Deutschland aktueller denn je. Eine Forsa-Umfrage unter rund 1.000 Lehrkräften zeigt, dass 88% der Befragten sich wenig bis gar nicht mit KI-Regelungen beschäftigt haben. Dabei empfinden 78% die zusätzlichen Aufgaben als unzumutbar und 62% fühlen sich unsicher oder sehr unsicher beim Einsatz von KI-Tools. Trotz dieser Bedenken wünschen sich 87% der Lehrkräfte verständliche und umsetzbare KI-Regelwerke für den Schulalltag. Ein klarer Hinweis darauf, dass im Bildungswesen ein großer Fortbildungsbedarf besteht, insbesondere in der Nutzung von KI zur Unterstützung der individuellen Lernprozesse.
Die Zukunft der Bildung
Die Entwicklung von KI verändert nicht nur die Prüfungsformate, sondern auch die Informationskompetenz in einer zunehmend digitalisierten Welt. KI-basierte Werkzeuge, wie Suchmaschinen und Sprachassistenten, erleichtern den Zugang zu Informationen und fördern den kompetenten Umgang mit digitalen Technologien. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt daher den Einsatz von KI in der Hochschulbildung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Projekte wie der KI-Campus zielen darauf ab, die Lehrkräfte von morgen fit für die digitale Zukunft zu machen.
In einer Zeit, in der ethische Fragen zu KI und Algorithmen immer wichtiger werden, ist es entscheidend, dass Bildungseinrichtungen den Dialog über die Chancen und Risiken von KI im Unterricht aufrechterhalten. Die Herausforderungen sind groß, doch der Wille zur Veränderung und die Neugier auf neue Wege in der Bildung sind ebenso stark. Das Experiment am Willms-Gymnasium könnte der Anfang einer neuen Ära im Bildungswesen sein – eine, die den Schülern nicht nur Wissen vermittelt, sondern sie auch auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.