In Niedersachsen sorgt ein junger Mann für Aufsehen – und das nicht nur wegen seiner herausragenden Abiturnote von 0,7. Dalyan Unland, 20 Jahre alt, sah sich nach seinem beeindruckenden Abschluss plötzlich mit einer Welle von Hass konfrontiert. Die Ursache? Ein Radio-Interview seiner Mutter, in dem sie über ihre türkischen Wurzeln sprach. Plötzlich wurde Dalyans Erfolg zum Ziel von rassistischen und sexistischen Anfeindungen, die im Netz viral gingen. Auf einer Instagram-Seite mit stolzen acht Millionen Followern wurde sein Name zum Schlagwort für die Hetze gegen Migranten.

Vor diesem Vorfall hatte Dalyan, der in Deutschland geboren ist und als deutscher Staatsbürger zweiter Generation aufwächst, nie Diskriminierung erlebt. „Es ist erschreckend, wie schnell man in eine Schublade gesteckt wird“, sagt er. Hetzer forderten gar Abschiebungen und behaupteten, er sei illegal in Deutschland. Rechtsanwalt Thomas Pilling hat sich des Falls angenommen und zeigt einige der extremen Kommentare an. Doch nur bei zwei Tätern konnten echte Namen ermittelt werden. Pilling ist fassungslos über das Verhalten eines ukrainischen Staatsbürgers, der mit einem der Kommentare in Verbindung steht – eine Entschuldigung blieb bislang aus.

Hass im Netz: Eine besorgniserregende Realität

Der Fall Unland ist nicht isoliert. Laut einer neuen Studie, die am 13. Februar 2024 vorgestellt wurde, hat sich die Situation für viele Menschen im Netz drastisch verschlechtert. Fast jede zweite Person in Deutschland (49%) wurde bereits online beleidigt. Besonders betroffen sind Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen und LGBTQ+-Personen. Die Zahlen sind alarmierend: 30% der Befragten mit Migrationshintergrund berichteten von Gewalt, und 42% der jungen Frauen erhielten ungefragt Nacktfotos. Das lässt sich nicht schönreden – hier ist Handlungsbedarf angesagt!

Die Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hat bereits Pläne für ein neues Gesetz angekündigt. Die Studie zeigt, dass 80% der Befragten härtere Strafen für Täter fordern. In Niedersachsen ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen seit 2020 gegen digitale Gewalt und hat 7.209 Anzeigen pro Jahr registriert – ein klarer Anstieg. Doch nur 20% dieser Anzeigen führen zu Strafen. Fast die Hälfte wird mangels Strafbarkeit eingestellt. Das wirft Fragen auf: Wo bleibt der Schutz für die Betroffenen?

Der Weg nach vorn

Dalyan Unland hat sich entschieden, nicht nur passiv zu bleiben. Er plant eigene Projekte oder Kooperationen mit Stiftungen, um gegen digitale Gewalt vorzugehen. Eine positive Reaktion auf die negative Erfahrung – das ist inspirierend. Pilling fordert Schadensersatz und eine Unterlassungserklärung für die Hetze, die Dalyan ertragen musste. Doch wie viele andere Betroffene bleibt auch er nicht allein. Die Studie zeigt, dass über 80% der Befragten mehr Verantwortung von Social-Media-Plattformen einfordern. Der Wunsch nach einem bundesweiten Netzwerk von Beratungsstellen und geschulten Strafverfolgungsbehörden wird lauter.

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Es ist klar, dass der Hass im Netz nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft. Die Vielfalt im Internet und die Möglichkeit, sich frei zu äußern, stehen auf dem Spiel. Die Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ zeigt eindeutig, dass viele Menschen aus Angst seltener ihre politische Meinung äußern – eine besorgniserregende Entwicklung für unsere Demokratie. Wenn das nicht ein Alarmzeichen ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Die kommende Zeit wird entscheiden, ob wir aktiv gegen diese Welle des Hasses ankämpfen oder einfach wegsehen.