In Belgrad, der pulsierenden Hauptstadt Serbiens, brodelt es gewaltig. Zehntausende Menschen haben sich versammelt, um für Neuwahlen zu demonstrieren. Die Stimmung ist angespannt, aber auch voller Hoffnung. Ein Elektrotechnik-Student, der als Redner auftritt, bringt es auf den Punkt: Es braucht eine ehrliche Regierung und ein würdiges Leben. Diese Worte hallen durch die Menge, während die Protestierenden ihre Forderungen nach einem friedlichen Regierungswechsel laut und deutlich äußern. Doch nicht alles verläuft friedlich – am Rande der Veranstaltung gibt es Zusammenstöße zwischen unbekannten Maskierten und der Polizei. Dabei werden 23 Personen festgenommen und eine ungenannte Anzahl von Polizisten verletzt. Was für ein Bild der Unruhe!

Der Anlass dieser massiven Protestbewegung? Ein schrecklicher Unfall, der sich im November 2024 ereignete: Der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen, darunter auch zwei Kinder, starben. Die Trauer um die Opfer ist tief verwurzelt. Bei einem Gedenken hielten zehntausende Menschen 16 Schweigeminuten ab und legten Blumen und Kränze nieder. Diese Tragödie hat die größte und längste Protestbewegung in Serbien ausgelöst. Studenten besetzten Universitäten im ganzen Land, und Millionen Bürger unterstützen die Bewegung, die die Regierung unter Präsident Aleksandar Vučić für das Unglück verantwortlich macht. Der Druck auf die Regierung wächst.

Die Wurzeln der Unruhe

Die Proteste haben eine lange Geschichte. Sie begannen zwei Wochen nach dem Unglück, als sich Studierende zusammenschlossen, um für Rechtsstaatlichkeit und Rechenschaftspflicht einzutreten. Sie fordern Neuwahlen und machen Korruption sowie Schlamperei für den Einsturz verantwortlich. Experten haben darauf hingewiesen, dass es Mängel bei den Renovierungsarbeiten gab, die zum Unglück führten. Die Renovierung des Bahnhofs, die Teil des Neubaus der Eisenbahnlinie Belgrad-Budapest war und von chinesischen Unternehmen ausgeführt wurde, steht nun im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die serbische Staatsanwaltschaft hat bereits Anklage gegen 13 mutmaßliche Verantwortliche erhoben, darunter den ehemaligen Bauminister Goran Vesic. Gleichzeitig ermittelt die Europäische Staatsanwaltschaft wegen möglichem Missbrauch von EU-Geldern. Es wird ganz schön turbulent!

Die Reaktionen der Regierung sind nicht weniger aufsehenerregend. Präsident Vučić hat den Bahnverkehr zwischen Belgrad und Novi Sad ohne offiziellen Grund eingestellt – angeblich wegen einer „Bombendrohung“. Diese Maßnahme wird von vielen als Versuch gewertet, die Anreise von Regierungsgegnern zu erschweren. Und auf Instagram äußert sich der Präsident über die Demonstranten, verweist auf deren angeblich gewalttätige Natur. Doch die Protestierenden lassen sich nicht einschüchtern. Sie marschieren weiterhin, einige zu Fuß oder mit dem Fahrrad, und werden von der Bevölkerung freundlich empfangen. In den letzten Monaten hat die Protestbewegung immer mehr an Unterstützung gewonnen, und fast alle Universitätsfakultäten sind besetzt. Die Bürger blockieren täglich zentrale Straßen im ganzen Land – eine wahre Welle des Widerstands.

Das Gesicht der Protestbewegung

Ein Gesicht der Protestbewegung ist Aleksa, ein Philosophiestudent. Bekannt wurde er durch ein virales Video, in dem Polizisten eine Frau während einer Demo belästigen. Aleksa wurde daraufhin von Polizisten in einen Wagen gesperrt und verprügelt, als er sich weigerte, seinen Instagram-Account zu löschen. „Wir haben keine Angst“, sagt er, „die Angst liegt bei den Regierenden.“ Und das spüren sie. Die Proteste, die einst gegen Korruption begannen, haben sich zu einer der größten sozialen Protestbewegungen in Europa entwickelt. Bei einer Großkundgebung im März 2023 versammelten sich mehr als 300.000 Menschen, die für Veränderung und Gerechtigkeit einstehen.

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Die Lage in Serbien ist angespannt. Experten beschreiben das Regime von Vučić als autoritär und postmodern, und obwohl es freie Medien gibt, können 60 Prozent der Bevölkerung keine oppositionellen Sender empfangen. Einschüchterung und Diffamierung von Schlüsselpersonen aus Opposition, Medien und Studierenden sind an der Tagesordnung. Die Menschen in Serbien haben genug. Sie kämpfen für ein besseres Morgen und geben nicht auf, solange ihre Stimmen nicht gehört werden. Und so bleibt die Frage: Wird sich der Wind in Belgrad bald drehen?