In Greifswald hat ein Kapitel der Stadtgeschichte seine letzte Seite erreicht. Der Abriss der ehemaligen DDR-Schülerkantine „Fly In“ im Neubauviertel Schönwalde I hat begonnen. Dieses Gebäude, das über Jahrzehnte hinweg ein Lebensmittelpunkt für Familien und Generationen war, wird nun Stück für Stück dem Erdboden gleichgemacht. Mit einem Bagger, der schon bald das Kommando übernimmt, wird der multifunktionale Bau, der mittags als Schülerspeisung und abends als Diskothek diente, entkernt und abgerissen.
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass „Fly In“ nicht nur ein Ort zum Essen und Feiern war. Hier wurden zahlreiche Ehen geschlossen, Freundschaften geschmiedet und Erinnerungen geschaffen. Die letzten Tage des „Fly In“ waren von einer bittersüßen Nostalgie geprägt. Eine Abschiedsparty im Januar 2023, für die die Stadt eine Sondergenehmigung erteilte, war ein wahres Spektakel. Innerhalb von nur drei Stunden waren 800 Eintrittskarten für die Veranstaltung ausverkauft, obwohl es keinen Wasser- und Stromanschluss gab. Hunderte Greifswalder strömten herbei, um ein letztes Mal in den heiligen Hallen zu feiern.
Ein Stück Geschichte geht verloren
Die Geschichte des „Fly In“ reicht bis ins Jahr 1991 zurück, als die erste Diskothek Greifswalds mit 500 Plätzen eröffnet wurde. Das Gebäude, das einst ein beliebter Treffpunkt für die Jugend war, erlebte zahlreiche Höhen und Tiefen. 1993 folgte die Eröffnung des ersten Fitnessstudios „Vitalis“ im selben Gebäude. Nach dem „Fly In“ zogen die Diskotheken „Soundgarden“ und „Bexx“ in die Räumlichkeiten ein, doch die Greifswalder Veranstaltungs GmbH, die das „Bexx“ betrieb, musste nach weniger als drei Jahren Insolvenz anmelden. 2015 kündigte der Eigentümer Volker Fritzsche schließlich den Verkauf der Immobilie an, und jetzt, Jahre später, wird sie abgerissen.
Auf dem ehemaligen Gelände soll ein neues Wohnhaus mit einer Arztpraxis entstehen. Diese Entwicklung ist Teil einer größeren Neugestaltung des Stadtteils, die auf eine Re-Dezentralisierung der kulturellen Infrastruktur abzielt. Der Zusammenbruch der DDR führte dazu, dass viele kulturelle Einrichtungen schließen mussten und zahlreiche Kulturschaffende ihre Arbeitsmöglichkeiten verloren. „Fly In“ war ein Teil dieser Geschichte, ein Ort der Erinnerung, der nun in den Schatten der Vergangenheit tritt.
Der Verlust kultureller Identität
Der Abriss des „Fly In“ wirft ein Licht auf die Herausforderungen, mit denen viele ostdeutsche Städte konfrontiert sind. Nach der Wiedervereinigung war der Weg für viele Kultureinrichtungen steinig. Die Auflösung großer Kombinate führte zum Wegfall von betrieblichen Kulturangeboten, und der Verlust staatlicher Unterstützung erschwerte die Produktionsbedingungen für viele Künstler. In diesem Zusammenhang war „Fly In“ nicht nur ein Ort der Freizeitgestaltung, sondern auch ein Symbol für die Erhaltung kultureller Identität in einer sich verändernden Welt.
Doch trotz der Herausforderungen haben sich viele Kultureinrichtungen in Ostdeutschland neu erfunden. Die Anzahl der Museen stieg zwischen 2008 und 2017 von 6.190 auf 6.771, und die Dichte an Theatern und Bibliotheken zeigt, dass die kulturelle Landschaft im Osten keineswegs hinter dem Westen zurückbleibt. Kulturelle Lücken sind nicht erkennbar, doch der Verlust von Orten wie dem „Fly In“ schmerzt. Es bleibt zu hoffen, dass die neuen Entwicklungen in Greifswald Raum für neue Erinnerungen schaffen und die kulturelle Identität der Stadt weiterhin lebendig bleibt.