In Hamburg, wo der Wind oft mit einer Prise Salzwasser um die Ecken bläst, ist ein Stück Geschichte verloren gegangen. Der denkmalgeschützte Paternoster im Flüggerhaus am Rödingsmarkt, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1908 zurückreichen, wurde offenbar ohne Genehmigung abgebaut. Der zuständige Restaurator Patric Wagner äußert, dass dies ein Schlag ins Gesicht sei, besonders nach all den Stunden, die er und sein Team in die Sanierung investiert haben. Über 2.500 Arbeitsstunden wurden aufgebracht, um diesen einzigartigen Aufzug wieder zum Leben zu erwecken, der seit seiner Stilllegung im Jahr 1979 in Vergessenheit geraten war.
Die Geschichte des Paternosters ist eine, die von der Wiederentdeckung und der Hoffnung auf Erhalt geprägt ist. 2018 hat der Kunsthistoriker Robin Augenstein den Maschinenraum hinter der Verschalung entdeckt, was den Beginn einer längeren Restaurierungsphase einleitete. Die Signa Gruppe, die 2019 das Flüggerhaus übernahm, setzte auf die Restauration des Paternosters, die eine aufwendige Bestandsaufnahme und die Reparatur der Kabinen erforderte. Aber nun bleibt unklar, in welchem Zustand sich der Paternoster befindet und welche Gründe den Abbau herbeiführten. Der neue Eigentümer, Harm Müller-Spreer, schweigt zu den Vorwürfen, die Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein erhebt.
Ein Stück Technikgeschichte
Paternoster waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein typisches Element in Kontorhäusern, die oft viele Etagen effizient erschließen mussten. Die Technik wurde in den 1880er Jahren in England entwickelt und fand bald Anwendung in Hamburg, wo einst rund 120 Paternoster existierten. Heute sind nur noch etwa 20 erhalten, und der Paternoster im Flüggerhaus könnte der älteste der Welt sein, nachdem ein Paternoster im Wiener Haus der Industrie (gebaut 1910/1911) zuvor als der älteste galt.
Die Restaurierung des Flüggerhaus-Paternosters war nicht nur eine technische Herausforderung. Sicherheitsvorkehrungen mussten getroffen werden, um die offenen Kabinen zu sichern, und die gesamte Anlage wurde gereinigt. Der Motor wurde ersetzt, während der Rest der Anlage original geblieben ist. Die Kosten der Restaurierung betrugen etwa zwei Drittel der Kosten für einen neuen Aufzug, was die Bedeutung dieses historischen Aufzugs unterstreicht.
Ein ungewisser Ausblick
Obwohl das Denkmalschutzamt einen Baustopp verhängt hat, plant es, die Schäden zu begutachten und das weitere Vorgehen zu prüfen. Die Ungewissheit über den aktuellen Zustand des Paternosters und die Hintergründe des Abbaus werfen einen Schatten auf die Zukunft dieses beeindruckenden Stücks Technikgeschichte. Die Diskussion über den Erhalt solcher historischen Aufzüge ist nicht nur eine lokale, sondern auch eine kulturelle Frage. Paternoster sind nicht nur funktionale Aufzüge; sie sind Teil des kulturellen Erbes vieler Städte, und ihr Verlust ist immer auch ein Verlust an Geschichte und Identität.
In Deutschland gibt es noch einige Paternoster, die öffentlich zugänglich sind. Dazu zählen unter anderem der Paternoster im Stuttgarter Rathaus und im Bezirksamt Eimsbüttel in Hamburg. Doch viele der einst in Betrieb gewesenen Paternoster sind mittlerweile stillgelegt oder für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Der Fall des Flüggerhaus-Paternosters könnte somit auch als Weckruf dienen, um die Relevanz und Erhaltung dieser besonderen Aufzüge in den Fokus zu rücken.