In Hamburg, der Stadt, die so viel Geschichte in ihren Mauern trägt, feiert das Institut für die Geschichte der deutschen Juden sein 60-jähriges Bestehen. Hier, wo die jüdische Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, als portugiesische Kaufleute das Lebensgefühl des Stadtteils Altona mitprägten, wird der Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart geschlagen. Hamburg, ein Ort der Migration und Flucht während finsterer Zeiten, hat sich stets als Knotenpunkt für jüdisches Leben erwiesen. Die Übergabe von Aktenbeständen der Jüdischen Gemeinde an das Staatsarchiv zwischen 1938 und 1944 war ein verzweifelter Versuch, das eigene Erbe vor der Gestapo zu schützen – ein Akt voller Vertrauen, das nach dem Krieg jedoch wieder mühsam aufgebaut werden musste.
Das Institut wurde 1966 ins Leben gerufen, um die jüdische Geschichte zu bewahren und zu erforschen. Es ist nicht nur ein Ort des Wissens, sondern auch ein lebendiges Forum für Diskussionen über jüdisches Leben heute. Die Direktorin bringt frischen Wind in die Forschung, indem sie sich mit Comics beschäftigt, die komplexe Themen aufarbeiten können – ein spannender Zugang, der die Grenzen der traditionellen Geschichtsschreibung sprengt! Und während die Arbeit mit Quellen das Herzstück des Instituts bildet, wird auch das aktuelle Phänomen des Antisemitismus nicht ignoriert.
Forschung zu Antisemitismus in Hamburg
Ein neues Forschungsprojekt, LeAH (Jüdisches Leben und Alltag in Hamburg), das seit Juni 2023 in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Akademie der Polizei Hamburg und der Polizeiakademie Niedersachsen läuft, hat sich zum Ziel gesetzt, die Formen und Verbreitung von Antisemitismus in der Stadt zu erforschen. Die Datenlage ist derzeit lückenhaft; die Polizei erfasst vor allem Straftaten, während viele antisemitische Vorfälle im Alltag unentdeckt bleiben. Die seit März 2021 aktive Hinweisstelle „memo“ versucht, hier Licht ins Dunkel zu bringen, indem sie Daten zu rassistischen und rechten Vorfällen erhebt. Es gibt viele anekdotische Berichte von jüdischen Hamburger:innen, die auf ein großes Dunkelfeld von nicht erfassten Taten hinweisen.
Ein eindringliches Beispiel dafür, wie Antisemitismus den Alltag vieler Menschen beeinflusst, zeigt eine bevorstehende Befragung, die vom 13. November 2023 bis zum 7. Februar 2024 durchgeführt werden soll. Hierbei werden 548 Jüdinnen und Juden befragt, und die ersten Ergebnisse verraten bereits, dass 77 % der Befragten in den letzten 12 Monaten antisemitische Vorfälle erlebt haben. Beleidigungen und Bedrohungen, sowohl online als auch offline, sind an der Tagesordnung. Besonders besorgniserregend ist, dass 89 % der Betroffenen angeben, ihre Religion nicht frei ausüben zu können. In Zeiten wie diesen, in denen das Vertrauen in öffentliche Institutionen – von der Polizei über Gerichte bis zur Stadtverwaltung – schwindet, ist die Notwendigkeit einer solchen Studie klar ersichtlich.
Die Rolle der Gemeinschaft
Die Jüdische Gemeinde in Hamburg spielt eine zentrale Rolle in diesem Kontext. Philipp Stricharz, der 1. Vorsitzende, sieht die Studie als wertvolles Instrument für Entscheidungsträger, um die Realität des jüdischen Lebens in Hamburg besser zu verstehen. Die Auswirkungen von Antisemitismus sind tiefgreifend und betreffen nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch den sozialen Zusammenhalt. Die jüngsten Entwicklungen, wie der Anstieg von antisemitischen Vorfällen, machen deutlich, dass es nicht nur um Forschung, sondern um ein aktives Handeln geht.
Und so wird das Institut weiterhin eng mit Partnerinstitutionen in Israel zusammenarbeiten, um den Austausch und das Verständnis zu fördern. Die Frage, wie wir Geschichte vermitteln und das jüdische Leben in der Stadt lebendig halten, wird zum zentralen Anliegen. Es bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen Formate zur Wissensvermittlung – von Podcasts über soziale Medien bis hin zu persönlichen Veranstaltungen – dazu beitragen, die Stimmen der jüdischen Gemeinschaft in Hamburg gehörig zu machen.